Vor einem halben Jahr habe ich mir eine DJI-Kamera gekauft. Plus Studio-Equipment, Beleuchtung, Mikrofon. Das volle Setup für Videos. Ich bin Videograf, Editing kann ich. Heute steht alles bereit. Gefilmt? Null.
Stattdessen sitze ich abends an Cursor. Probiere aus, was Claude jetzt anders macht als letztes Mal. Baue an einem Modul, das morgen live geht. Spiele mit MCP-Servern. Lese mich in das nächste API-Update ein. Zwei Stunden geplant, drei sind weg.
Was wirklich los ist
Ich bin nicht zu beschäftigt für Content. Ich bin zu fasziniert vom Bauen.
Jeden Tag entdecke ich etwas Neues:
- ein KI-Modell, das eine Aufgabe besser löst als das vorherige
- eine Bibliothek, die ein Problem wegnimmt das ich seit Wochen umgangen habe
- eine Architektur-Idee, die ein altes System eleganter machen würde
Und jedes Mal denke ich: lass uns das mal probieren. Was kann das? Wo sind die Grenzen? Wo bricht es? Was passt für welches Problem, was passt nicht?
Das ist mein Content. Nur eben nicht in 60-Sekunden-Reels gegossen, sondern in Repos und produktiven Systemen.
Warum ich’s trotzdem schade finde
Ich bin nicht so naiv zu denken, dass das die optimale Strategie ist. Ein TikTok-Account mit Followern wäre business-rational hilfreich. Reichweite. Personal Brand. Erste Berührung mit potenziellen Kunden, die mich sonst nie hören würden.
Ich verzichte trotzdem aktuell darauf, weil:
Können ist da, Priorität nicht. Ich kann filmen, ich kann schneiden, ich kann mich vor die Kamera stellen. Was fehlt ist nicht der Skill, sondern die bewusste Entscheidung, jetzt Zeit dafür zu blocken. Aktuell zieht mich Bauen mehr.
Ich will später Content mit Wert schaffen, nicht reflexive Reels. Wer’s versucht hat, kennt das: die Energie „Content produzieren weil der Algorithmus mehr Content will” ist eine andere als „ich habe gerade was zu sagen”. Wenn ich filme, dann mit Substanz, nicht im Hook-A/B-Test-Modus.
Bauen schafft jetzt langfristig mehr Wert. Eine produktive Stunde Code = etwas das in fünf Jahren noch läuft. Eine produktive Stunde Reel = morgen aus dem Algorithmus, in einer Woche vergessen. Diese Mathematik gilt vor allem in Phasen, wo das Fundament noch nicht steht.
Was ich stattdessen mache
Substanz statt Performance:
- Builds machen Lärm. Jede Site, jeder MCP-Server, jeder Migrations-Erfolg ist Self-Promotion durch Substanz.
- Dieser Blog ist Content in der Form, die mir liegt: längere Beobachtungen, ehrlich, ohne Hook-Acrobatik.
- Mund-zu-Mund, die Reichweite die zählt, kommt von Kunden die weiterempfehlen.
- Gelegentliche LinkedIn-Posts, wenn ich wirklich was zu sagen habe. Nicht aus „ich-muss-präsent-sein”-Druck.
Was das mit dir zu tun hat
Wenn du im Mittelstand bist und Marketing-Berater dir sagen „du brauchst Content-Strategie, Brand-Building, Thought-Leadership”, sie haben grundsätzlich Recht. Sichtbarkeit ist wichtig.
Aber: zwing dich nicht in einen Kanal-Modus, der nicht zu dir passt. Wenn dich Live-Settings energetisieren. Vorträge, Konferenzen, Erstgespräche, mach das richtig gut. Wenn dir die Plattform-Content-Maschinerie liegt, leg los mit TikTok oder LinkedIn. Beides funktioniert. Nicht alle sollten dasselbe machen.
Die DJI bleibt vorerst im Schrank
Filmen werde ich. Die Frage ist nur wann und mit welcher Substanz. Aktuell baue ich das Fundament, danach kommt der Content. Beides braucht Zeit, beides verdient seinen Moment, ohne dass eines das andere kaputt macht.
In der Zwischenzeit habe ich mehr produktive Stunden bekommen, indem ich aufgehört habe, mich für nicht-gemachten Content zu schämen. Heute Abend probiere ich was Neues mit der nächsten API-Version. Das war’s. Und das ist gut so.
Falls dich der Self-Doubt-Druck „ich muss Content machen” auch trifft: Erstgespräch ist 30 Min, mit Substanz, ohne Sales-Trichter.